Wer bei der Recherche zu Schadstoffbelastungen in Fertighäusern auf die Suche nach „verantwortlichen Herstellern“ geht, stößt schnell auf eine ernüchternde, aber wichtige Erkenntnis: Die Frage ist komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheint. Anders als man vermuten könnte, richtete sich die eigentliche juristische und öffentliche Aufmerksamkeit historisch weniger gegen einzelne Fertighausbaufirmen als vielmehr gegen die Hersteller der eingesetzten Holzschutzmittel selbst.
Warum die Frage nach „dem Hersteller“ in die Irre führt
Die vorbeugende chemische Behandlung von Holzbauteilen mit Wirkstoffen wie PCP und Lindan war in den 1960er- bis 1980er-Jahren nicht die Ausnahme, sondern die Regel – vielerorts sogar bauaufsichtlich vorgeschrieben oder zumindest allgemein anerkannter Stand der Technik. Praktisch alle größeren deutschen Fertighaushersteller jener Zeit griffen auf dieselben oder sehr ähnliche Holzschutzmittelprodukte zurück, die von einer überschaubaren Zahl chemischer Hersteller produziert und flächendeckend an die Bauindustrie vertrieben wurden. Wer also nach „dem einen Hersteller“ sucht, der besonders viel oder besonders gefährliche Substanzen eingesetzt hat, wird in aller Regel enttäuscht. Die Belastung ist ein branchenweites, kein herstellerspezifisches Phänomen.
Wo die tatsächliche Verantwortung historisch verortet wurde: der Frankfurter Holzschutzmittelprozess
Der mit Abstand bedeutendste juristische Bezugspunkt in diesem Themenfeld ist der sogenannte Frankfurter Holzschutzmittelprozess, der von 1984 bis 1996 andauerte und als eines der größten Umweltstrafverfahren der deutschen Geschichte gilt. Im Zentrum standen jedoch nicht Fertighausbaufirmen, sondern die Chemieunternehmen, die die eingesetzten Holzschutzmittel herstellten und vertrieben. Angeklagt waren leitende Manager der Firma Desowag – einem Gemeinschaftsunternehmen von Bayer AG und Solvay AG –, deren Produkte Xylamon und Xyladecor über Jahrzehnte hinweg in großem Umfang verkauft wurden.
Das Landgericht Frankfurt verurteilte 1993 zwei ehemalige Desowag-Geschäftsführer wegen fahrlässiger Körperverletzung, nachdem der Zusammenhang zwischen den verwendeten Wirkstoffen und gesundheitlichen Schäden bei Betroffenen gerichtlich festgestellt worden war. Der Bundesgerichtshof hob dieses Urteil später aus verfahrensrechtlichen Gründen auf; das Verfahren endete letztlich mit einer Verfahrenseinstellung gegen eine Geldbuße von vier Millionen D-Mark, mit der unter anderem ein Lehrstuhl für Toxikologie der Innenraumluft finanziert wurde.
Auch andere Chemieunternehmen wie die Firma Dr. Wolman GmbH, die unter anderem das Produkt Basileum vertrieb, wurden im Zusammenhang mit der Holzschutzmittelproblematik öffentlich genannt. Entscheidend ist: Diese Verfahren richteten sich gegen die Produzenten der Chemikalien, nicht gegen die Fertighaushersteller, die diese Produkte im Rahmen der damals üblichen und teils vorgeschriebenen Bauausführung lediglich verarbeiteten.
Warum einzelne Fertighaushersteller kaum „besonders im Fokus“ stehen
In einschlägigen Fach- und Verbraucherforen taucht gelegentlich die Frage auf, welche konkreten Fertighausmarken besonders von Schadstoffproblemen betroffen seien. Die ehrlichste und am häufigsten zu findende Antwort lautet sinngemäß: praktisch alle größeren Systemanbieter jener Zeit, da der Einsatz der betreffenden Holzschutzmittel weder eine unternehmerische Entscheidung einzelner Hersteller noch ein Qualitätsmerkmal war, sondern schlicht dem damaligen bauaufsichtlichen und chemisch-technischen Standard entsprach.
Zu den großen, marktprägenden Systemanbietern jener Zeit zählten Unternehmen, die teils bis heute, wenn auch unter veränderten Eigentümerstrukturen und mit heute schadstofffreien Materialien, am Markt aktiv sind. Es gibt keine belastbaren Belege dafür, dass einzelne dieser Unternehmen in signifikant größerem Umfang oder in bewusster Abweichung von der damaligen Marktpraxis gehandelt hätten. Wo in Foren oder Erfahrungsberichten einzelne Markennamen im Zusammenhang mit Schadstoffbeschwerden auftauchen, spiegelt dies in erster Linie die schiere Marktgröße und Bekanntheit dieser Anbieter wider – sie haben schlicht besonders viele Häuser gebaut –, nicht eine besondere individuelle Verantwortung.
Was das für die praktische Bewertung eines konkreten Hauses bedeutet
Für Eigentümer und Käufer bedeutet diese Einordnung vor allem eines: Der Name des Herstellers auf dem Typenschild oder in den Bauunterlagen liefert für sich genommen kaum verlässliche Rückschlüsse auf das individuelle Schadstoffrisiko eines Hauses. Weit aussagekräftiger sind:
- Das genaue Baujahr, da sich die Materialpraxis im Zeitverlauf veränderte
- Hinweise in den vorhandenen Bauunterlagen auf eine konkret durchgeführte Holzschutzbehandlung
- Die Region und der damals dort übliche Vertrieb bestimmter Holzschutzmittelprodukte
- Der bauliche Zustand und etwaige bereits erfolgte Sanierungsmaßnahmen
Eine seriöse Risikoeinschätzung stützt sich daher nicht auf den Herstellernamen allein, sondern auf eine Kombination dieser Faktoren in Verbindung mit einer fachgerechten Materialdiagnostik.
Fundierte Diagnostik
| Die Vorstellung, es gäbe eine klar abgrenzbare Liste „schuldiger“ Fertighaushersteller der 1970er-Jahre, hält einer genaueren historischen Betrachtung nicht stand. Die eigentliche juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung des Holzschutzmittelskandals richtete sich gegen die Chemieunternehmen, die die verwendeten Wirkstoffe herstellten und vertrieben – nicht gegen die Bauunternehmen, die diese Produkte im Rahmen des damals geltenden Standards verarbeiteten. Für die praktische Einschätzung eines konkreten Hauses ist das Baujahr in Kombination mit einer fundierten Diagnostik daher deutlich aussagekräftiger als der reine Herstellername. |
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Häufig gestellte Fragen
Gibt es eine offizielle Liste „belasteter“ Fertighaushersteller?
Nein. Eine solche Liste existiert nicht und wäre angesichts der branchenweiten Verwendung der betreffenden Holzschutzmittel auch fachlich nicht haltbar.
Wer wurde im Holzschutzmittelskandal tatsächlich strafrechtlich belangt?
Verurteilt wurden zunächst zwei ehemalige Geschäftsführer des Chemieunternehmens Desowag, das die Holzschutzmittel Xylamon und Xyladecor herstellte und vertrieb, nicht Fertighausbaufirmen.
Bedeutet das, dass alle Fertighäuser der 1970er-Jahre gleichermaßen belastet sind?
Nicht zwangsläufig in der Konzentration, aber grundsätzlich in der Wahrscheinlichkeit: Da die eingesetzten Materialien branchenweit vergleichbar waren, ist das Baujahr ein deutlich verlässlicherer Risikoindikator als der Herstellername.
Sollte ich meinen konkreten Fertighaushersteller trotzdem recherchieren?
Ja, sofern verfügbar. Bauunterlagen und Herstellerangaben können wertvolle Hinweise auf die tatsächlich verwendeten Materialien liefern und die spätere Diagnostik gezielter ausrichten helfen.
Weiterführende Literatur
In meinem Buch „Das Fertighaus-Dilemma“ gehe ich näher auf die Thematik der Systemhäuser der 1970er ein.
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