Zuletzt aktualisiert am: 04.11.2026

„Ich will nicht mehr um ein Haus kämpfen, das uns nicht will.“ Ein Betroffener erzählt seine Geschichte

Hinweis: Der folgende Beitrag ist ein anonymisiertes, in seinen Kernaussagen zusammengefasstes Interview. Name und identifizierende Details wurden auf Wunsch des Betroffenen geändert, der Ablauf der Ereignisse sowie die geschilderten Erfahrungen entsprechen jedoch einem realistischen, in dieser Form immer wieder auftretenden Verlauf, wie er mir in Gesprächen mit Betroffenen begegnet ist.

Manchmal beginnen die wichtigsten Gespräche über Umwege. Über meine Seite hosby-historie.de, auf der ich mich seit Jahren mit der Geschichte einer dänischen Fertighausmarke beschäftige, meldete sich vor einiger Zeit ein Leser bei mir, nennen wir ihn Thomas. Sein Haus hatte nichts mit Hosby zu tun, aber er hatte in einem meiner Artikel etwas gefunden, das ihn ansprach: die Ernsthaftigkeit, mit der ich mich dem Thema Fertighaus widme. Aus einer kurzen E-Mail wurde ein langes Telefonat, aus dem langen Telefonat die Bereitschaft, seine Geschichte zu erzählen, auch wenn sie ihm bis heute schwerfällt. Ich habe ihm zugehört, viele Fragen gestellt, und das Ergebnis möchte ich hier mit Ihnen teilen. Nicht, um Angst zu schüren, sondern weil ich glaube, dass genau diese Geschichte vielen zukünftigen Käufern erspart bleiben könnte.

Der Traum vom eigenen Haus

Thomas, fangen wir am Anfang an. Wie kam es zum Kauf Ihres Fertighauses?

Das war 2016. Meine Frau und ich hatten gerade unser zweites Kind bekommen, wir wohnten zu viert in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, und der Platz wurde einfach zu eng. Ein Neubau war finanziell außer Reichweite, aber dann fanden wir dieses Haus. Baujahr 1974, Fertighaus, gepflegter Garten, ruhige Straße, und der Preis war für die Lage einfach unschlagbar gut. Wir haben es besichtigt, waren sofort verliebt. Es roch ein bisschen nach altem Holz, aber das fanden wir eher charmant. Niemand hat uns gesagt, dass wir genauer hinschauen sollten. Der Makler sprach von „solider Fertighausqualität aus den Siebzigern“, das war’s.

Gab es damals irgendwelche Warnsignale, die Sie im Nachhinein hätten erkennen können?

Ehrlich gesagt: nein, jedenfalls nicht für uns als Laien. Es gab keinen Schimmel an der Wand, keinen auffälligen Geruch, nichts, was man als Warnzeichen im klassischen Sinne hätte deuten können. Das ist ja auch das Perfide an der ganzen Sache, wie ich später gelernt habe: Diese Schadstoffe riechen nicht immer, man sieht sie nicht, und trotzdem sind sie da.

Wussten Sie etwas über die Vorbesitzer des Hauses?

Ja, das kam damals sogar als beruhigendes Argument beim Kauf zur Sprache. Der Vorbesitzer, ein älterer Herr, hatte über 40 Jahre in dem Haus gelebt, quasi seit dem Bau. Er sei einfach irgendwann ins Pflegeheim gezogen, weil er im hohen Alter nicht mehr allein zurechtkam. Für uns klang das damals wie ein Beleg dafür, dass mit dem Haus alles in Ordnung sei. Zumal der Vorbesitzer sehr pfleglich mit dem Haus umging

Heute sehe ich das differenzierter: Wir wissen schlicht nicht, ob und wie sich eine solche Belastung über Jahrzehnte bei einem einzelnen Menschen bemerkbar macht oder nicht, und ob man mit zunehmendem Alter manche Beschwerden einfach nicht mehr klar zuordnet oder als „normale Alterserscheinung“ hinnimmt. Ich will da niemandem etwas unterstellen, aber diese vermeintliche Beruhigung, dass „der Vorbesitzer doch nie Probleme hatte“, würde ich heute nicht mehr unhinterfragt als Sicherheit werten.

Die ersten Anzeichen

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass etwas nicht stimmt?

Das kam schleichend, nicht wie ein Schock von einem Tag auf den anderen. Meine Tochter, die Jüngere, bekam nach etwa einem Jahr im Haus immer wieder Atemwegsprobleme. ständiger Husten, der einfach nicht weggehen wollte, und mehrfach eine Art pfeifendes Geräusch beim Atmen, das uns nachts wachhielt. Der Kinderarzt sprach zunächst von einer Neigung zu Bronchitis, das kommt ja bei kleinen Kindern häufiger vor.

Dann fing ich selbst an, ständig müde zu sein, egal wie viel ich schlief. Dazu kamen Kopfschmerzen, die ich mir mit Stress erklärte. Neuer Job, kleines Kind, man findet ja immer eine Erklärung, die einem nicht wehtut. Mit der Zeit kamen auch brennende Augen dazu, vor allem abends, und ein Gefühl, als würde mir ständig die Nase zukleben, ohne dass ich eigentlich erkältet war. Manchmal hatte ich auch dieses leichte Schwindelgefühl, wenn ich morgens aufstand, das ich zunächst auf zu wenig Schlaf geschoben habe.

Meine Frau bekam Hautreizungen an den Armen, die niemand richtig zuordnen konnte, mal besser, mal schlimmer, ohne erkennbares Muster. Dazu kam bei ihr eine ständige Gereiztheit der Schleimhäute, ein leichtes Kratzen im Hals, das über Monate einfach nicht verschwand, sowie eine Erschöpfung, die sich für sie anders anfühlte als normale Müdigkeit nach einer durchwachten Nacht mit den Kindern. Unser Sohn, der Ältere, klagte gelegentlich über Bauchschmerzen und war insgesamt auffällig oft erkältet, was wir zunächst auf den Kindergarten schoben. Wir sind von Arzt zu Arzt gerannt, ohne dass irgendjemand die Häufung dieser Symptome infrage gestellt hat.

Wie lange hat dieser Zustand angehalten, bevor jemand einen Zusammenhang zum Haus vermutet hat?

Über zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen wir wirklich alles Mögliche durchprobiert haben. Allergietests, Ernährungsumstellungen, sogar eine psychologische Abklärung für mich, weil ein Arzt vermutete, meine Erschöpfung könnte psychosomatisch sein. Im Rückblick ist das das Bitterste an der ganzen Geschichte, diese verlorene Zeit, in der wir nach Erklärungen gesucht haben, nur nicht dort, wo die eigentliche Ursache lag.

Der Wendepunkt

Was hat schließlich zu der Erkenntnis geführt, dass das Haus die Ursache sein könnte?

Ein Zufall, ehrlich gesagt. Meine Frau ist bei einer Nachbarschaftsveranstaltung mit jemandem ins Gespräch gekommen, dessen Haus vom selben Hersteller stammte und der gerade eine Schadstoffsanierung hinter sich hatte. Diese Person hat ihr erzählt, was bei ihnen gefunden wurde, Formaldehyd, Holzschutzmittel, die ganze Bandbreite. Meine Frau kam an dem Abend nach Hause und sagte nur: „Ich glaube, wir müssen unser Haus untersuchen lassen.“ Ich war zunächst skeptisch, ich dachte, das kann doch nicht sein, wir wohnen doch schon so lange hier.

Wie ging es dann weiter?

Wir haben einen Baubiologen beauftragt. Das Ergebnis kam etwa drei Wochen später, und ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich das Gutachten in den Händen hielt. Erhöhte Formaldehydwerte in mehreren Zimmern, Holzschutzmittelrückstände im Dachstuhl, und der Verdacht auf weitere Belastungen, die noch genauer untersucht werden müssten. Ich saß am Küchentisch und habe geweint. Nicht aus Wut, eher aus einer Mischung aus Erleichterung und blankem Entsetzen, weil mir klar wurde, was das für uns bedeutete.

Die Odyssee durch das Gesundheitssystem

Sie sprachen vorhin von „unzähligen Arztbesuchen“. Können Sie das genauer beschreiben?

Im Nachhinein zusammengezählt waren es, glaube ich, über zwanzig Arzttermine bei verschiedenen Fachrichtungen. Allgemeinmedizin, Pneumologie, Dermatologie, Allergologie, sogar ein Termin bei einem Umweltmediziner, den wir erst spät gefunden haben. Jeder hat sein Fachgebiet betrachtet, aber niemand hat das große Bild gesehen, bis wir selbst mit dem Schadstoffgutachten in der Hand dort auftauchten. Erst dann hat uns der Umweltmediziner ernst genommen und einen Zusammenhang zwischen den Beschwerden und der Wohnsituation für plausibel gehalten.

Was würden Sie im Rückblick anders machen, was diesen medizinischen Weg betrifft?

Ich würde viel früher gezielt nach einem Umweltmediziner suchen, sobald sich mehrere unklare Symptome in der Familie gleichzeitig häufen, gerade bei kleinen Kindern. Das hätte uns vermutlich Jahre erspart.

Die Entscheidung, die alles veränderte

Nach der Diagnose stand ja die Frage im Raum: sanieren oder verkaufen? Wie sind Sie zu Ihrer Entscheidung gekommen?

Das war der schwerste Teil von allem. Wir haben uns Angebote für eine Sanierung eingeholt, und die Summen, die da im Raum standen, waren für uns finanziell einfach nicht zu stemmen. Jedenfalls nicht zusätzlich zu der bestehenden Finanzierung des Hauses. Aber es war nicht nur das Geld. Wir hatten schlicht keine Kraft mehr. Zwei Jahre gesundheitliche Unsicherheit, unzählige Arzttermine, die Sorge um die Kinder. Irgendwann waren wir als Familie einfach erschöpft, völlig am Ende. Meine Frau sagte irgendwann einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Ich will nicht mehr um ein Haus kämpfen, das uns nicht will.“

Wie hat sich der Verkauf des Hauses gestaltet?

Wir mussten die Schadstoffbelastung gegenüber Kaufinteressenten offenlegen, das war uns auch wichtig, wir wollten niemand anderem das antun, was uns widerfahren war. Das hat den Kreis der Interessenten natürlich drastisch reduziert, und die, die trotzdem Interesse zeigten, haben entsprechend verhandelt. Am Ende haben wir das Haus für einen Betrag verkauft, der weit unter dem lag, was wir noch an Restschulden hatten.

Das Leben nach dem Auszug

Wie ging es Ihnen und Ihrer Familie gesundheitlich, nachdem Sie das Haus verlassen hatten?

Das war fast unheimlich, wie schnell sich vieles gebessert hat. Der Husten unserer Tochter war innerhalb weniger Wochen fast vollständig verschwunden. Die Kopfschmerzen und die Müdigkeit bei mir ließen spürbar nach, sobald wir ein paar Monate in der neuen Wohnung waren. Auch bei meinem Sohn hörten die häufigen Infekte auf. Im Rückblick war das für uns fast der endgültige Beweis, dass es tatsächlich am Haus gelegen hatte. So eindeutig war diese Besserung.

Gibt es etwas, das geblieben ist, auch nach dem Auszug?

Bei meiner Frau schon, ja. Sie hat seitdem eine Art Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Gerüchen und Chemikalien entwickelt. Nicht dramatisch, aber spürbar. Frisch gestrichene Räume, starke Reinigungsmittel oder auch neue Möbel mit diesem typischen „neu“-Geruch machen ihr heute schneller zu schaffen als früher, mit leichten Kopfschmerzen oder einem Kratzen im Hals. Es ist nichts, was sie im Alltag stark einschränkt, aber sie merkt es eben, wenn sie solchen Stoffen ausgesetzt ist. Sie geht seitdem bewusster damit um, was sie kauft und wie sie lüftet. Ob das tatsächlich mit der damaligen Belastung zusammenhängt, können wir nicht mit letzter Sicherheit sagen. Der zeitliche Zusammenhang ist für uns beide aber sehr eindeutig.

Was von der Geschichte bleibt

Was ist finanziell und emotional von dieser Erfahrung geblieben?

Finanziell ein Schuldenberg, den wir bis heute abtragen, obwohl das Haus längst nicht mehr uns gehört. Das ist vermutlich das, was viele Menschen am wenigsten erwarten: dass man am Ende einer solchen Geschichte nicht einmal mehr ein Haus hat, aber trotzdem noch jahrelang dafür bezahlt. Emotional ist es eine Mischung aus Erleichterung, dass wir aus dieser gesundheitlichen Belastung heraus sind, und einer tiefen Wut auf uns selbst, dass wir nicht früher genauer hingeschaut haben. Aber ich versuche, diese Wut nicht zu sehr an mir festzumachen. Wir hatten einfach kein Wissen, und niemand hat uns dieses Wissen an die Hand gegeben, als wir es gebraucht hätten.

Wenn Sie einen Satz an Ihr früheres Ich richten könnten, kurz vor dem Hauskauf – was würden Sie sagen?

„Lass dich nicht von einem günstigen Preis blenden, bevor du weißt, was wirklich in den Wänden steckt.“

Thomas‘ Rat an zukünftige Fertighauskäufer

Was würden Sie Menschen raten, die heute überlegen, ein älteres Fertighaus zu kaufen?

Lassen Sie sich niemals allein vom Charme oder vom Preis eines Hauses leiten, so verständlich diese Verlockung auch ist. Gerade wenn man wie wir damals unter Zeit- und Kostendruck steht. Bestehen Sie vor dem Kauf auf einer fachlichen Schadstoffprüfung, auch wenn der Verkäufer das als übertrieben abtut. Und falls Sie bereits in einem solchen Haus wohnen und ungeklärte gesundheitliche Beschwerden in der Familie auftreten, warten Sie nicht zwei Jahre wie wir. Lassen Sie das Haus untersuchen, bevor Sie sich auf eine lange Odyssee durch Arztpraxen begeben, die vielleicht am eigentlichen Problem vorbeiführt.

Gibt es etwas, das Sie sich rückblickend von der Immobilienbranche gewünscht hätten?

Mehr Transparenz. Ich verstehe, dass ein Makler kein Baubiologe ist und keine Diagnose stellen kann. Aber ein einfacher Hinweis wie „Bei Fertighäusern dieses Baujahrs empfiehlt sich vor dem Kauf eine Schadstoffprüfung“ hätte uns vermutlich die Augen geöffnet, bevor wir unterschrieben haben.

Ein Gespräch, das nachwirkt

Als Thomas und ich unser Gespräch beendeten, blieb bei mir vor allem eines hängen: wie sehr sich Unwissenheit und guter Glaube am Ende in eine so schwerwiegende Kette von Ereignissen verwandeln können. Gesundheitlich, finanziell und emotional. Genau diese Geschichten sind es, die mich dazu bewogen haben, mein Buch „Das Fertighausdilemma“ zu schreiben. Nicht, um Angst zu verbreiten, sondern um Menschen das Wissen an die Hand zu geben, das Thomas und seiner Familie gefehlt hat.

Wenn Sie selbst mit einem ähnlichen Verdacht oder ähnlichen Symptomen zu kämpfen haben, empfehle ich Ihnen, diesen Weg nicht allein zu gehen, weder medizinisch noch bautechnisch. Eine fachliche Abklärung, so unangenehm der erste Schritt auch sein mag, ist in jedem Fall besser als jahrelange Unsicherheit.

Haben Sie eine ähnliche Geschichte erlebt?

Thomas‘ Geschichte ist keine Ausnahme, das zeigen mir die Rückmeldungen, die ich seit Jahren zu diesem Thema erhalte. Wenn auch Sie ähnliche Erfahrungen mit einem Fertighaus gemacht haben (ob gesundheitlich, finanziell oder beides) , würde ich mich freuen, davon zu erfahren. Schreiben Sie mir gerne unter info@fertighaus-dilemma.de. Nach Rücksprache mit Ihnen und in enger Abstimmung darüber, was und wie viel Sie teilen möchten, veröffentliche ich ausgewählte Erfahrungsberichte auch hier auf dieser Seite. Jede Geschichte, die auf diesem Weg mehr Menschen zum Nachdenken bringt, kann dazu beitragen, dass anderen dieselbe Odyssee erspart bleibt.

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Weiterführende Literatur

In meinem Buch „Das Fertighausdilemma“ finden Sie unter anderem eine Übersicht über geeignete Ansprechpartner für medizinische Abklärungen sowie konkrete Schritte zur Selbstdiagnose bei Verdacht auf eine Schadstoffbelastung.

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Über den Autor

Maximilian Hundertmark

Der Autor befasst sich seit Jahren intensiv mit den baulichen Besonderheiten, Schadstoffrisiken und Geruchsproblemen älterer Fertighäuser. Als Autor der Bücher „Hosby“ und „Das Fertighaus-Dilemma“ fasst er fundierte Recherchen und praktische Erkenntnisse zusammen, um Hauskäufern und Eigentümern eine unabhängige und ehrliche Orientierung zu bieten.